Es gibt verdammt viel Mittelmäßigkeit
Peter Kreuz
Karriere. Peter Kreuz ist Managementberater und Bestseller-Autor ("Nur Tote bleiben liegen", "Alles, außer gewöhnlich") – und er plädiert für mehr Mut zum Anderssein.
Wer nicht den Mut hat, ein kleines Risiko einzugehen, wird weder eine starke Marke aufbauen noch ein erfolgreiches Unternehmen gründen, sagt der Bestseller-Autor im Gespräch mit dem WirtschaftsBlatt.
WirtschaftsBlatt: Herr Kreuz, Sie plädieren in Ihren Büchern für mehr Mut zum Anderssein. Warum ist das besonders wichtig, wenn man am Beginn eines Unternehmens steht, wo es um Themen wie Markenaufbau geht?
Peter Kreuz: Mut zum Anderssein ist in dieser Situation nicht nur wichtig sondern entscheidend. In fast allen Märkten sind die Auswahlmöglichkeiten für Kunden schier unendlich und gleichzeitig ist alles sehr transparent und vergleichbar geworden. Für Unternehmen und insbesondere für Neugründungen ergeben sich daraus zwei strategische Wahlmöglichkeiten: Entweder sie sind wirklich anders als die anderen Wettbewerber – oder aber sie sind billiger. Alles, außer gewöhnlich oder billiger. Sie werden garantiert scheitern, wenn sie versuchen, beides zu sein. Und sie werden garantiert scheitern, wenn sie keines von beiden sind. Marken oder Geschäftskonzepte, an denen niemand irgendetwas auszusetzen ist, haben einen Fehler: Sie sind uninteressant. Erfolg mit seinem Unternehmen bzw. seiner Marke hat man nur, wenn man in der Wahrnehmung seiner Kunden einmalig ist– zumindest für eine kurze Zeit. Wir müssen uns alle bemühen, mit unserer Neugründung bzw. unserer Marke ein Monopol im Kopf unserer Kunden zu errichten.
Vielen fehlt dieser Mut, oder?
Wenn wir uns als Neugründer wie alle anderen Wettbewerber benehmen, werden wir auch nur dieselben Dinge wie sie sehen, dieselben Ideen haben und ähnliche Angebote in unserem Portfolio haben. Im besten Fall führt das zu normalen Ergebnissen. Wer nicht den Mut hat, ein kleines Risiko einzugehen, eine winzige Regel zu brechen oder etwas von der Norm abzuweichen, wird weder eine starke Marke aufbauen noch ein erfolgreiches Unternehmen gründen.
Sie sagen: Der Kern einer Strategie besteht darin, zu bestimmen, was man nicht macht. Können Sie das näher erläutern?
Wir müssen Position beziehen als Individuen ebenso wie als Unternehmen. Und es ist besser, auf 90 Prozent der Menschen zu verzichten und das echte Interesse der restlichen zehn Prozent zu bekommen, als für alle irgendwie ganz okay zu sein. Aber schauen sie sich mal um. Wir sind umzingelt von Ganz-Okay-Unternehmen mit Ganz-Okay-Angeboten. Unternehmen, die im Kern ihre Funktion erfüllen, aber keine Spuren hinterlassen. Angebote, die in der Beliebigkeit versinken, weil sie alles für jeden sein wollen. Deshalb ist ein entscheidender Schritt aus der Beliebigkeit die bewusste Reduktion, das gezielte Weglassen.
Ein Beispiel: Apple, ein Konzern mit einem Umsatz von 40 Milliarden Dollar im Jahr. Wenn sie all die Produkte nebeneinander stellen, dann passen die auf einen Esstisch. Und deshalb lautet das Credo bei Apple auch: ‚Wir sind so stolz auf die Produkte, die wir nicht machen, wie auf die, die wir machen.‘
Sie beschreiben in Ihren Büchern jede Menge toller Unternehmen. Aber wenn Sie rundherum schauen: Wieviel Mittelmässigkeit erleben Sie dennoch?
Es gibt verdammt viel Mittelmäßigkeit. Und das Problem ist, dass Mittelmaß eine selbstverstärkende Spirale schafft: Mittelmaß engagiert Mittelmaß, züchtet Mittelmaß, versinkt im Mittelmaß. Mittelmaß ist lausig. Weil wir die Chance vertun, Dinge zu gestalten und das volle Potenzial, das in uns steckt, auszuschöpfen. Natürlich kann man Mittelmäßiges machen – und man wird sicher nicht erfolglos sein. Aber eben auch nicht wirklich erfolgreich. Denn es bleibt etwas Entscheidendes auf der Strecke: Wir selbst. Das was uns besonders macht. Meine feste Überzeugung ist: Die Angst aufzufallen, Risiken zu vermeiden, lieber den planierten Weg in der Mitte zu gehen als seinen eigenen Weg zu suchen, mit dem Strom zu schwimmen, um zum Schwarm zu gehören – das alles ist ein freiwilliges Einverständnis damit, am Ende die Hälfte des Lebens ungelebt zurückzugeben. Seinen Cocktail nicht auszutrinken – sondern angenippt stehen zu lassen.
Quelle: Förster & Kreuz
